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Tiergestützte Therapie

 

1. Was bedeutet tiergestützte Therapie

Bei der tiergestützten Therapie wird ein oder mehrer Tiere in der jeweiligen Fachrichtung (z.B. Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie, Psychotherapie,…) eingesetzt um ein Therapieziel zu erreichen.
Tiergestützte Therapie oder auch animal-assisted therapy (AAT) ist immer eine zielgerichtete Intervention. Die Arbeit erfolgt auf einen vorher bestimmten Soll-Zustand hin, zum Beispiel die Verbesserung sozialer oder sprachlicher Fähigkeiten, bessere Koordinierung des Bewegungsablaufes, Erhöhung der Aufmerksamkeitsspanne und der Konzentration etc.  Jeder Einsatz mit dem Tier ist darauf ausgelegt, das Grobziel bzw. Feinziele die zum Grobziel führen, zu erreichen. Solange diese Ziele vor dem Einsatz nicht eindeutig definiert sind, darf die tiergestützte Arbeit nicht als Therapie bezeichnet werden. Tiergestützte Therapie  ist ein integraler Bestandteil in der professionellen Arbeit der jeweiligen Fachkraft (Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie,…) und nur in deren Bereich. Die eingesetzten Tiere müssen bestimmte Kriterien erfüllen, bzw. bestimmte Merkmale vorweisen. Die Arbeit muss dokumentiert und regelmäßig evaluiert werden, das heißt  eine Überprüfung der Effektivität vor dem Hintergrund der Zielsetzung. Die Fachkraft muss für jede Sitzung den Verlauf der Intervention sowie den eventuell erreichten Fortschritt schriftlich festhalten.


1.1 Geschichte

Das Verhalten einer Nation gegenüber Tieren
spiegelt ihre moralische und geistige
Größe sehr genau wider.
   Mahatma Gandhi

Bereits im 8. Jahrhundert wurden in Belgien Tiere bewusst für therapeutische  Zwecke eingesetzt. 1792 gründeten Quäker in England das  so genannte „York Retreat“, eine Einrichtung für Geisteskranke, in der die Patienten dazu ermuntert wurden die Garten und Kleintiere zu pflegen und zu versorgen. In der deutschen Anstalt Bethel wurde im 19. Jahrhundert ein Zentrum für behinderte Menschen und Anfallskranke gegründet, welches auf die  heilenden Kräfte von Tieren (Katzen, Hunde, Schafe, Ziegen) vertraute und diese auch erlaubte. Dieses Zentrum ist heute eines der Größten weltweit und die Tiere spielen eine zentrale Rolle. Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Tiere in New York in einem Krankenhaus eingesetzt, sie sollten Kriegsveteranen bei der Erholung und bei der Traumataverarbeitung helfen. Indem sie sich um die Tiere kümmerten sollten sie das Gefühl bekommen wieder gebraucht zu werden. Leider wurden diese Versuche der tiergestützen Arbeit weder dokumentiert noch evaluiert.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts Tierbesuche und Tierhaltung in amerikanischen Krankenhäusern.
Boris Levinson war der erste der ein Tier gezielt in seiner Arbeit als Kinderpsychotherapeut einsetzte und dies auch dokumentierte und  veröffentlichte (1962).
In den 1970 er Jahren wurden in vielen Ländern Vereine und Gesellschaften gegründet, die sich mit der tiergestützen Arbeit beschäftigten, z.B.:
1977 in Oregon, USA die Stiftung The Delta Society“ ( diese spielt bis heute noch eine sehr wichtige Rolle in der Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung und in der Umsetzung „Tiergestützer Interventionen“ und den damit verbundenen rahmengebundenen Richtlinien
1977 wurde das „Institut für interdisziplinärer Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung“ als private wissenschaftliche Institution unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr. Konrad Lorenz gegründet und 1990 wurden diese Tätigkeiten auf die Schweiz (unter der Leitung von PD Dr. Dennis C. Turner) ausgeweitet.
1977 in Frankreich  ”Association Francaise d´Information et de Recherche  sur l`Animal de Compagnie” (AFIRAC)
1979 in Dundee, Schottland   ”Society for Companion Animal Studies” (SCAS)
1988 in Deutschland „Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft”
seit 1990 ist die „International Association of Human-Animal-Interaction-Organisation“ der internationale Dachverband (IAHAIO)
In Deutschland war zu dieser Zeit nur eher das therapeutische Reiten bekannt, bis in den 1980 er Jahren auch in den anderen Feldern der tiergestützten Arbeit vermehrt Studien und Experimente durchgeführt wurden ( z.B. die Psychologen Bergler 86 und 88 und Olbrich 87).
1987 Gründung des Vereins „Tiere helfen Menschen“


1.2. Unterschiede der tiergestützten Therapie zur tiergestützten Pädagogik und tiergestützen Aktivität ( oder Fördermaßnahme)

Tiergestützte Therapie, tiergestützte Pädagogik und tiergestützte Aktivitäten unterscheiden sich  in den Zielen, in der durchführenden Person, in der Zeit und in der Dokumentation.

Tiergestützte Therapie:
Ziel: Lebensgestaltungskompetenz
• Therapieplan mit  klaren Zielvorgaben (Grob- und Feinziele)
• Teilziel / Endziel präzise festgelegt (operationalisiert)
Durchführende:
• Qualifizierte Therapeuten, Ausbildung nach unterschiedlichen Therapiekonzepten
• Spezifisch trainiertes und ausgebildetes Tier
Zeit:
• Regelmäßige Sitzungen zu festgelegten Zeiten in festem Zeitrahmen
• Über längeren Zeitraum
Dokumentation:
• Sitzungsprotokoll von jedem Einsatz
• Dokumentation des erzielten Fortschritts

Tiergestützte Pädagogik
Ziel: Entwicklungs- - bzw. Lernfortschritt
• Unterstützung der vorhandenen Ressourcen
• Initiieren von Lernprozessen ( konkrete Zielvorgaben)
 
Durchführende:
• Pädagogisch unterschiedlich qualifizierte Personen
• Spezifisch trainiertes Tier
Zeit:
• Festgelegte Zeiten
• Mehrmalig oder über einen längeren Zeitraum
Dokumentation:
• Protokoll der Sitzungen mit Bezug zu den Zielvorgaben

Tiergestützte Aktivität
Ziel: Einflussmöglichkeit
• Sehr allgemein die Verbesserung der Lebensqualität
• Wohlbefinden
   Durchführende:
• Laien, ehrenamtliche Personen
• Geeignetes Tier
Zeit:
• Sporadische Aktivitäten z.B. Tierbesuchsdienst  ( ohne fest vorgegebenen Zeitplan )
Dokumentation:
• Nicht erforderlich

 

2. Warum ist tiergestützte Therapie erfolgreich

Der Hund ist der
6. Sinn des Menschen
   Christian Friedrich Hebbel

2.1 Erklärungsversuch

Das Tier dient als Eisbrecher, Türöffner oder Katalysator. Das Tier ist dabei kein Therapeut oder möchte  diesen auch nicht ersetzen, es ist vielmehr Helfer oder Cotherapeut. Es bringt den Patienten gegenüber keine Vorurteile oder Erwartungen entgegen, es ist unvoreingenommen und wertet den Mensch nicht nach Äußerlichkeiten. Jemand der keinerlei Erwartungen hat, kann auch nicht enttäuscht werden.


2.2 Biophilie Hypothese

Biophilie ist die vererbte emotionale Affinität eines Menschen zu anderen lebenden Organismen (Tiere, Pflanzen). Vererbt meint hier angeboren und somit ein Teil der menschlichen Natur.  Es ist eine physische, emotionale und kognitive Hinwendung zum Leben und zur Natur die für die Entwicklung einer Person eine weitreichende Bedeutung hat.
Bio: das Leben betreffend;  philie:Vorliebe, Liebhaberei
Wird die Bedeutung der evolutionären Verbundenheit zwischen Mensch und Natur (belebt und unbelebt) berücksichtigt, überrascht es nicht, dass in der heutigen Zeit, der Industrialisierung und Urbanisierung, die Tierbegegnung eine positive, vielleicht sogar heilende Wirkung mit sich bringt. Auch kann man es sich hiermit erklären, warum ein Appartement mit Blick ins Grüne wesentlich beliebter und somit teurer ist, als ein Appartement mit Blick auf den nächsten Wolkenkratzer. Der Mensch wird sich dann seiner archetypischen Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten bewusst. Das Tier wirkt nicht biochemisch oder instrumentell auf uns, sondern vielmehr stärkt das Tier das Beziehungsgefüge zwischen Mensch und belebter Natur und fördert die Verbundenheit von bewussten und unbewussten oder auch kognitiven und emotionalen Prozessen.
Dazu nennt Kellert (1993) neun Kategorien als biologische Grundlagen für die Verbundenheit von Mensch und Natur:
• Utilitaristischer Aspekt (nützliche Verbundenheit zwischen Mensch und Natur, z.B. Nahrungslieferant)
• Naturalistischer Aspekt (natürliche Verbundenheit, z.B  Zufriedenheit durch Kontakt mit Natur)
• Ökologisch-wissenschaftlicher Aspekt (systematische Analyse in der Natur, z.B. Wissenserwerb)
• Ästhetischer Aspekt (Bewunderung für physische Harmonie, z.B. Inspiration, Harmoniegefühl)
• Symbolischer Aspekt (Kategorien in der Natur z.B für Interaktion und Kommunikation)
• Humanistischer Aspekt (tief erlebte emotionale Verbundenheit, z.B. Empathie)
• Moralistischer Aspekt (ethische Verantwortung für die Natur, z.B. Seelenverwandtschaft und Zugehörigkeit zu einem Ganzen)
• Dominanzaspekt (Kontrolle und Beherrschung, z.B. Entwicklung mechanischer Fähigkeiten )
• Negativistischer Aspekt (Angst, Antipathie und Aversion gegenüber unterschiedlichen Teilen der Natur (Spinnen, Schlangen,…), z.B. Impuls für das Einrichten von Sicherheitsmaßnahmen im persönlichen Lebensbereich)


2.3 Du-Evidenz

Der Begriff „Du – Evidenz“ wurde 1922 von Karl Bühler geprägt, bezogen auf den zwischenmenschlichen Bereich. Er meinte damit das Bewusstsein eines Menschen, eine andere Person als „Du“ wahrzunehmen und zu respektieren.
Evidenz: Deutlichkeit bzw. vollständige überwiegende  Gewissheit
Du-Evidenz ist die Möglichkeit einer Beziehung zwischen Menschen und höheren Tieren, die der entsprechen, die Menschen bzw. Tiere unter sich kennen. Persönliche Erlebnisse mit dem anderen, die subjektive Einstellung zu ihm und die authentischen Gefühle für sein Gegenüber ( egal ob Mensch oder Tier) sind entscheidend für die Entwicklung von Du-Evidenz, die weniger auf der kognitiven, sondern auf der sozio-emotionalen Ebene wirken und wahrscheinlich eine Voraussetzung für Empathie und Mitgefühl für ein anderes Lebewesen  ist.
Je ausdrucksfähiger die Tiere sind und je ähnlicher sie in ihren emotionalen und sozialen Grundbedürfnissen sie dem Menschen sind, umso leichter kann der Mensch diese Du – Beziehung  auch eingehen (z.B. mit Hund und Pferd sehr leicht, mit Insekten, aufgrund der schwer verstehbaren Ausdrucksform relativ schwer).


2.4 Anthropomorphisierung

Sich einen Hund anzuschaffen
ist für uns Menschen die einzige Möglichkeit,
uns unsere Verwandten auszusuchen.
     Mordecai Siegalew

Hierbei handelt es sich um die Neigung des Menschen das Tier wie einen Menschen zu behandeln, insbesondere bei den eigenen Haustieren. Man gibt ihm einen Namen und man schreibt ihm menschliche Gefühle und Eigenschaften zu. Der Mensch fühlt sich dem Tier ähnlich verbunden wie einem menschlichen Partner. Er fühlt mit ihm, und er betrauert seinen Tod und pflegt die Erinnerung an ein verstorbenes Tier.
Dies kann positiv gesehen werden (Grundlage für einen Beziehungsaufbau, Entwicklung des Einfühlungsvermögens), kann aber auch negative Effekte mit sich bringen, z.B. Missachtung der Eigenart und Bedürfnisse des Tieres, Herabsetzen der Hemmschwelle im Umgang mit dem Tier oder auch der Fehlinterpretation tierischer Ausdrucksmöglichkeiten


2.5 Spiegelneuronen Hypothese

Spiegelzellen sind Nervenzellen, die während der Beobachtung oder Simulation eines Vorganges bzw. einer Handlung die gleichen Potentiale auslösen, die entstehen würden wenn die Handlung tatsächlich aktiv ausgeführt werden würde. Für ein positives soziales Zusammenleben in gegenseitigem Verstehen bilden Empathie und emotionale Resonanz mit anderen Menschen die Grundlage. Da die Spiegelung von Emotionen ein unwillkürlich ablaufender Vorgang ist, der auf einem biologisch hirnphysiologischen Spiegelsystem basiert und zur Grundausstattung eines Menschen gehört, geschieht diese Reaktion automatisch, das heißt nicht oder nur begrenzt beeinflussbar weil sie offenbar nicht der kognitiven Steuerung unterliegt.
Die angeborenen Spiegelsysteme eines Säuglings können sich aber, laut Bauer, nur dann entfalten und entwickeln, wenn sie durch adäquate soziale Interaktionen auch stimuliert werden.
Setzt man das Konzept der Übertragbarkeit zwischen Mensch und Tier voraus, lassen sich dadurch die positiven Effekte, wie Stimmungsverbesserung oder Beruhigung durch das Tier erklären.


2.6 Bindungstheoretischer Ansatz

Die Bindungstheorie geht auf die Forschungen von Bowlby (1968) und Ainsworth (1969) im Zusammenhang mit der Hospitalismus- und Deprivationsforschung. Aus vielen Forschungsergebnissen lassen sich verschiedene Bindungstypen herausarbeiten:
• Das bindungsunsichere Kind
• Das bindungsvermeidende Kind
• Das bindungsambivalente Kind
• Das bindungsdesorientierte Kind
Je nach Bindungstyp entwickeln sich deshalb die verschiedenen Bindungsmodelle:
sicheres Bindungsmodell, unsicher-vermeidendes Bindungsmodell, unsicher-ambivalentes Bindungsmodell und desorientiertes/desorganisiertes Bindungsmodell.
Wenn die Bindungstheorie auf die Mensch-Tier-Beziehung übertragen wird, können Tiere für den Menschen ein Bindungsobjekt ( ebenso umgekehrt) darstellen und die positiven Bindungserfahrungen mit einem Tier eventuell auf soziale Situationen mit Menschen übertragen werden.


2.7 Ansätze aus tiefenpsychologischer Sicht

• Psychoanalyse nach Freud
Als wesentliche Bestimmungsstücke gelten die Struktur des Psychischen, bestehend aus Es, Ich und Überich; den Phasen frühkindlicher Entwicklung im Zusammenhang mit den (sexuellen) Trieben und Bedürfnissen; den Abwehrmechanismen und ihren Funktionen.
- Befriedigung unbewusster Bedürfnisse aus dem ES
- Stärkung des ICH
- Anrühren des Verdrängten

• Individualpsychologie nach Adler
Als Schlüsselbegriffe gelten Minderwertigkeitsgefühl, Kompensation, Lebensstil (-plan) und Gemeinschaftsgefühl.
- Stärkung des Selbstwertgefühls
- Beeinflussen von Lebensstilelementen
- Verbesserung der Soziabilität, des Sozialverhaltens

• Komplexe Psychologie nach Jung
Bezeichnend ist die Komplementarität der Psyche
Bewusstsein – Unbewusstes; Introversion – Extroversion; Kognition – Emotion; Empfindung – Intuition; Animus - Anima
- Nutzung der Intuition
- Anrühren von Archetypen
- Unterstützung der Individuation


2.8 kommunikationstheoretische Überlegungen

PFERDRDDGHTGHUF
TGZGFIITVTIERSEHZK
LIHGZTFTHHHTKJGVH
LJEZHUTFELLASDBTF
FRERBTHGHJKUHNH

Die auf der Beziehungsebene der Kommunikation eingesetzten Zeichen- und Signalsysteme unterscheiden sich in digitaler und analoger Kommunikation.
Digitale Kommunikation: Symbolsystem in Worten oder Ziffern, die dem Kommunikationspartner bekannt sein müssen
Analoge Kommunikation: Objekt und Kennzeichnung müssen eine Form der Gleichartigkeit aufweisen, damit sie ohne festgelegte Symbolsysteme verstanden werden. Sie hat ihren Ursprung in archaischen Entwicklungsperioden und besitzt eine allgemeinere Gültigkeit. Hierbei werden vorwiegend Informationen auf Sach- bzw. Inhaltsebene vermittelt
Die Kommunikationsebene zwischen Mensch und Tier ist die analoge (nonverbale) Kommunikation. Hierbei wird eher die subjektive – emotionale also die Beziehungsebene angesprochen. Analoge Kommunikation beinhaltet auch Körperbewegung (Gesten, Mimik, Körperhaltung und –handlung), die Phonemik (Stimmqualität, Sprechpausen/Schweigen, nichtsprachliche Laute), Raumposition (wie Individualdistanz, Revierverhalten, Körperorientierung), die Olfaktorik, die Haptik (Hautempfindlichkeit bezogen auf Berührung und Temperatur) und personengebundene Sachprodukte (z.B. Kleidung, Schmuck, Mappen)


2.9 Zusammenfassung oder warum gerade Tiere

Ein Hund spiegelt die Familie.
Wer sah jemals einen munteren Hund in einer verdrießlichen Familie
oder einen traurigen in einer glücklichen?
      Arthur Conan Doyle

Die vielschichtige Beziehung zwischen Tier und Mensch hat sich im Laufe der Jahrtausende mit Sicherheit verändert, geblieben ist jedoch die Affinität zwischen beiden und dass Tiere nicht nur Nutzaspekte sondern auch Beziehungsaspekte (Gefährte, Freund) für den Menschen haben. Bindungserfahrungen, Zuverlässigkeit, Uneigennützigkeit  sind Hilfen auch in  zwischenmenschlichen Beziehungen.
Das Tier dient als Eisbrecher, Türöffner oder Katalysator. Das Tier ist dabei kein Therapeut oder möchte  diesen auch nicht ersetzen, es ist vielmehr Helfer oder Cotherapeut. Es bringt den Patienten gegenüber keine Vorurteile oder Erwartungen entgegen, es ist unvoreingenommen und wertet den Mensch nicht nach Äußerlichkeiten. Jemand der keinerlei Erwartungen hat, kann auch nicht enttäuscht werden.

 

3. Projekte
werden im einzelnen nicht separat aufgeführt!
Können jedoch auf Nachfrage gezielt erläutert werden.


4. Was kann durch tiergestützte  (Ergo-)Therapie erreicht werden

4.1 Wirkweise

Motorik/ Körpergefühl:
• Verbesserung der Körperbeherrschung und der Körperkoordination
• Aktivierung der Bewegung , der Eigentätigkeit ( z.B. Berührung des Tieres)
• Tolerierung körperlicher Schmerzen
Kognition:
• Verbesserung der Aufmerksamkeit und Konzentration ( z.B. durch Beobachtung des Tieres)
• Verlängerung der Aufmerksamkeitsspanne und der Fokussierung der Sinne
• Beeinflussung der Erinnerungsfähigkeit
Wahrnehmung:
• Verbesserung der sinnlichen Wahrnehmung in allen Bereichen ( visuell, auditiv, taktil, kinästhetisch, olfaktorisch ) über das Erkennen der nonverbalen Signale
• Schulung der Wahrnehmung für den eigenen Körper
• Wahrnehmungssensibilisierung bezogen auf andere Lebewesen und Umgebung
Soziabilität:
• Stärkung des sozialen Vertrauens
• Überwindung von Kontaktangst, auch bezogen auf andere Menschen
• Übernahme  von Verantwortung für das Wohlergehen des Tieres
• Verstärkung der Fürsorgetendenz ( z.B. in der Pflege des Tieres)

Sprache / Kommunikation:
• Verbesserung der Sprechbereitschaft und der Sprechfähigkeit
• Steigerung der Kommunikationsfreude ( z.B. Gespräche über das Verhalten des Tiers)
• Erhöhung der Bereitschaft und Fähigkeit, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu verbalisieren
Emotionalität:
• Stärkung von Angstbewältigungstendenzen
• Stärkung des Selbstwertgefühls ( z.B. bei der gelungenen Kontaktaufnahme mit dem Tier)
• Erhöhtes Selbstvertrauen durch Erfahrung von Akzeptanz und von eigener Kompetenz


4.2 Einsatzgebiet

Es gibt keinen besseren Psychiater,
als einen Welpen,
der dein Gesicht abschleckt.
  Ben Williams


Ergotherapie ist ein vom Arzt zu verordnendes Heilmittel für Menschen aller Altersklassen, mit dem Ziel körperliche, seelische und geistige Behinderungen  und Krankheiten zu beheben, aufzuhalten oder verloren gegangene Funktionen zu kompensieren. Selbst- und Sozialkompetenz des Klienten soll gestärkt werden und die größtmögliche Selbstständigkeit im Alltag erreicht werden oder wiedererlangt werden.
Ergotherapeutische Behandlung ist sinnvoll bei:
• Schädigungen oder Erkrankungen des zentralen Nervensystems
• Störungen des Stütz- und Bewegungsapparates,
• körperliche, geistige  und / oder seelische Entwicklungsrückstände oder  regressive Erscheinungen in diesen Bereichen
• emotionalen oder auch sozialen Auffälligkeiten
• Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen
• Sensorische Integrationsstörungen

Einrichtungen können z.B. sein: Kliniken, Praxen, Reha-Einrichtungen, Behinderteneinrichtungen, Sonderschulen, usw.
Fachbereiche (außerhalb der Pädiatrie): Geriatrie, Neurologie, Orthopädie, Psychiatrie.


4.3 Ziele

Die Ziele in der tiergestützten Ergotherapie sind:
• im sensomotorisch-perzeptivem Bereich (die Wahrnehmung (vestibulär, propriozeptiv, taktil, auditiv, visuell, olfaktorisch), das Körperbewusstsein (Körperimago, -schema,-begriff), die Raum-Lage-Orientierung, die Körperkoordination, die Kraftdosierung),
• im sozio-emotionalen Bereich ( Aufbau von Vertrauen und Selbstwertgefühl und Verantwortungsbewusstsein, Eingestehen und Überwinden von Ängsten, Kontaktaufnahme und Einstellen auf den Partner, Entwickeln und Fördern von kooperativem Verhalten, Einhalten von Regeln und Reihenfolgen )
• und im kognitivem Bereich (Konzentration, Ausdauer, Reaktionsvermögen, Lern- und Leistungsbereitschaft ( Motivation !!) , Merkfähigkeit ( Kurz-, Mittel-, Langzeitgedächtnis), Entwickeln von Übertragungsfähigkeit, Handlungsplanung, Sprachfähigkeit (Verständnis, Begriffbildung und Sprechbereitschaft ).

Dabei wirkt das Tier auf der Beobachtungsebene z.B.
• im sensomotorischen Bereich vor allem auf die visuelle Wahrnehmung, dem Körperschema und der Wachheit,
• im sozio-emotionalen Bereich auf die Vertrauensbildung, dem Eingestehen und Überwinden von Ängsten  und dem Einstellen auf einen Partner
• im kognitiven Bereich auf die Konzentration, Sprechbereitschaft und Sprachfähigkeit und immer in allen Bereichen auf die Motivation.

Bei der Kontaktebene ( also nicht mehr nur wie vorher beobachten, sondern erste Berührungen ):
• im sensomotorisch-perzeptivem Bereich auf die visuelle, taktile, auditive, olfaktorische Wahrnehmung und die Kraftdosierung und Körperkoordination
• im  sozio-emotionalen Bereich sind es Vertrauensbildung, Kontaktaufnahme, Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl und dem Überwinden von Ängsten
• im kognitivem Bereich werden gezielt Konzentration, Ausdauer, Gedächtnis und Übertragungsfähigkeit, sowie Handlungsplanung verbessert

Auf der Ebene der Selbstaktivität ( also Berührung, Kontakt, Interaktion mit dem Tier über Spiel) werden
• im sensomotorisch-perzeptivem Bereich die Wahrnehmung, das Körperbewusstsein, die Raum-Lage. Orientierung , die Kraftdosierung und die Körperkoordination verbessert
• im sozio-emotionalen Bereich sind es Kontaktaufnahme, Einstellen auf das Tier, Verantwortungsbewusstsein, Einhaltung von Regeln und Selbstwertgefühl
• im kognitivem Bereich die Konzentration, Ausdauer, Geduld,  Reaktion, Lern- und Leistungsbereitschaft, Merkfähigkeit, Serialität, Sprache, Übertragungsfähigkeit und die Vorstellungskraft positiv beeinflusst.


4.4 Kind-Tier-Beziehung

Jedes Kind sollte zwei Dinge haben:
Einen Hund und eine Mutter,
die erlaubt, einen Hund zu halten
    (anonym)

Bei Versuchen hat man kleine Kinder mit lebendigen Tieren und Spielzeugtieren (die laufen, bellen und mit dem Schwanz wackeln konnten) konfrontiert. Die Babys entschieden sich in der überwiegenden Zahl für die lebendigen Tiere, indem sie ihnen nachliefen oder krabbelten. Es ist nicht nötig, glaubt man Dieter Krowatscheks Ausführungen, Kinder dazu zu erziehen Tiere zu mögen, sie werden mit einer natürlichen Sympathie und Affinität zum Tier geboren, die im Laufe ihres Lebens wächst oder verschwindet, je nach Beeinflussung und Erziehung durch den Erwachsenen. Es sollte aber Ziel einer jeden Erziehung sein das Interesse und die Zuneigung zum Tier zu vergrößern und die Kinder dazu anzuhalten Tiere zu respektieren  und verantwortungsbewusst mit ihnen umzugehen. Dies geschieht zum Wohl des Tieres, aber auch zum Wohle des Kindes und der Gesellschaft in der wir alle leben.
Wahrnehmung und Gefühle für ein Tier ändern sich mit dem Alter des Kindes, so ist für ein Kleinkind das Tier  eher ein „taktiles“ Wesen, etwas was man anfassen, streicheln kann. Je älter ein Kind wird, desto mehr geht es darum, das Tier als Spielkamerad zu erleben. Wird das Kind noch älter wird das Tier eher  Partner und Zuhörer und Helfer in Konfliktsituationen mit den Erwachsenen.
Die therapeutische Begleitung durch ein Tier berücksichtigt immer auch die kindliche Entwicklung:

• Erste Lebensjahre: emphatisches Miteinander, einfaches Verstehen zwischen Kind und Tier ( z.B. über Körpersprache)
• Schulkind: Förderung von bewusst gesteuerten Handlungen und Reflexion des eigenen Verhaltens (mit allen Sinnen und Einsatz der Motorik), Erfahren des Ursachen- Wirkungs – Prinzips und dessen individueller Bewertung
• Jugend: Entwicklung der Individualität, Aktion und Diskussion  im sozialen Umfeld, Gestaltung der individuellen kurz- und mittelfristigen Zukunft, schöpferischen Handeln.

Tiere sind Stabilisatoren kindlichen Erlebens und Verhaltens und sie tragen dazu bei Freude zu erleben und Trauer oder Gefühle wie Angst oder Bedrohung abzubauen. In ihrem Umgang wird selbsterklärend und ohne Zwang mit beständig hoher Motivation gelernt. Auch ist das Erleben auf viele zwischenmenschliche Interaktionen und Situationen übertragbar.


5. Voraussetzung

5.1 bei den Tieren

• guter gesundheitlicher Zustand, guter Pflegezustand
• regelmäßige Entwurmung und vollständige Impfung
• ruhiges Wesen, Gutmütigkeit
• menschenfreundliches Wesen, nicht auf eine Person fixiert
• soziale Kompetenz unter Artgenossen
• aggressionsarm
• hohe Toleranz- und Reizschwelle
• nicht übermäßig schreckhaft
• nicht scheu, ängstlich oder extrem unsicher
• menschenbezogen und gut führig

5.2 bei den  Kindern

Freunde kann man sich nur machen,
wenn man selber einer ist.
  Ralph Waldo Emerson

Es kann nicht automatisch angenommen werden, dass alle Kinder jedes Tier, oder Tiere überhaupt sympathisch finden und deren Kontakt mögen. Deshalb sollte es Voraussetzung sein eine gewisse Affinität bei den Kindern dem Tier gegenüber  zu finden. Außerdem sollten Allergien auf jeden Fall ausgeschlossen werden, sowie bei einigen Erkrankungen ( z.B. Immunerkrankungen ) die Erlaubnis des Arztes einzuholen. Ebenso muss das Einverständnis der Eltern eingeholt werden.

5.3 beim Therapeuten

Grundvoraussetzung für das Einsetzen von Tieren in die Therapie ist eine authentische Zuneigung des Therapeuten gegenüber dem eingesetzten Tier und die Überzeugung der Wirksamkeit tiergestützter Therapie. Es ist von Vorteil, wenn das eingesetzte Tier   das eigene Tier ist, dadurch wird gewährleistet, dass  er dieses gut kennt und in der Regel eine enge Bindung zwischen Therapeut und Tier besteht. Dabei würde Kontrolle  und Führigkeit erheblich erleichtert, zum anderen führt das gegenseitige Vertrauen zu einem Gefühl der Sicherheit, da der Besitzer die spezifischen Eigenheiten, Fähigkeiten und Bedürfnisse seines Tieres genau kennt.
Der Therapeut, vorausgesetzt er ist auch Tierhalter muss außerdem für folgende Punkte sorgen (vgl Greiffenhagen 1991 und Niepel 1998):

• artgerechte Haltung und Pflege und Ernährung
• regelmäßige veterinärmedizinische Kontrollen
• Möglichkeiten des Rückzuges für das Tier in dafür bestimmten Zonen
• Ausreichende Erholungs- und Entspannungspausen
• Einen Ausgleich zu den tiergestützten Therapieeinheiten z.B. in Form von Spiel, Auslauf, Wunschaktivität
• Regelmäßiger Kontakt zu Artgenossen
• Stabile Vertrauens- und Bezugsperson, die die Hauptverantwortung für das Tier trägt
• Gewisse Regelmäßigkeit im Tagesablauf
• Möglichkeit des freien Auslaufs

Auszug aus der Abschlußarbeit - Jutta Friedel